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Digitale Souveränität: Das europäische Bezahlnetz existiert bereits

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Süddeutschen Zeitung und wird mit freundlicher Genehmigung des Verlags auf bluecode.com veröffentlicht.

Veröffentlichung: 9. Juni 2026
Autor: Nils Heck
Quelle: Süddeutsche Zeitung

Digitale Souveränität

Das europäische Zahlungsnetz existiert bereits

Eine Firma aus der Schweiz kann das, was Banken mit Wero schaffen wollen: Zahlungen in ganz Europa möglich machen. Warum nehmen sie nicht das System, das es schon gibt?


Europa ist abhängig von den USA. Nirgendwo wird das deutlicher als beim Bezahlen: Wer beispielsweise an der Kasse sein Smartphone zückt, bezahlt oft mit Apple Pay, im Internet hinterlegen Kunden die Karte von Mastercard oder Visa, und Freunden schicken sie Geld mit Paypal.

Der Europäischen Zentralbank (EZB) zufolge wickelten nichteuropäische Anbieter 2022 etwa 61 Prozent der Kartenzahlungen in Europa ab. Die europäischen Banken möchten das ändern und bauen dafür gerade ein Netzwerk auf, das es möglich machen soll, dass Menschen aus Deutschland mit dem neuen Bezahldienst Wero auch in Spanien bezahlen können und umgekehrt. Ohne Visa, Mastercard oder Paypal. Europa hat es offenbar geschafft, sich aufzuraffen und zusammen etwas zu entwickeln. Doch Tatsache ist auch: Die Schweizer Firma Bluecode kann schon, was Wero und seine Partner in den kommenden Jahren aufbauen wollen.

Roaming für Zahlungen statt für Mobilfunk

Hinter Bluecode steht Christian Pirkner. Der in der Schweiz lebende Unternehmer hat im Silicon Valley gearbeitet und dort zwei Start-ups mitentwickelt, die unter anderem für den späteren Erfolg der Musikerkennungssoftware Shazam maßgeblich waren. 2011 gründete er Bluecode mit der Idee, Europa unabhängig von US-amerikanischen Lösungen beim Bezahlen zu machen, als Investor stieg später die Familie Hopp (SAP) ein. Zur Gründungszeit sprach in der EU-Kommission noch kaum jemand von Souveränität im Zahlungsverkehr, und auch Wero sollte erst 13 Jahre später auf den Markt kommen. Stattdessen gab es damals in vielen europäischen Ländern allenfalls nationale Bezahlsysteme, die aber eben genau das waren: national.

In Deutschland beispielsweise gibt es die Girocard und in Frankreich die Carte Bancaire. Beide sind sehr beliebt, funktionieren aber im Ausland und teilweise auch im Internet nicht, weshalb die Menschen immer auf Visa oder Mastercard angewiesen waren. Pirkner wollte nun ein „Roaming-Netz“ bauen, ganz ähnlich wie im Mobilfunkmarkt. Auch dort kann ein Deutscher in Frankreich telefonieren, ohne extra einen neuen Vertrag abschließen zu müssen. Möglich macht das eine Schnittstelle im Hintergrund.

Beim Bezahlen sollten die Menschen nun das gleiche Gefühl bekommen: Einfach einen QR-Code scannen oder ihr Handy an ein Terminal halten und so eine Zahlung auslösen, die dann im Hintergrund automatisch durch ganz Europa „geroamt“ wird. Auf dem Papier ist solch eine Lösung sinnvoll, weil sie US-Unternehmen ausklammert, Gebühren spart, Daten spart und auf bestehende Systeme aufsetzt. Technisch aber ist das gar nicht so einfach umzusetzen.

Die Banken wollen die Kontrolle nicht abgeben

2019 schloss sich Bluecode mit bereits erfolgreichen Bezahllösungen wie Swish aus Schweden zu einer Allianz zusammen, die einen gemeinsamen Standard für dieses Roaming entwickeln wollten. 2022 wurde dieser vorgestellt, technisch ausgearbeitet von Bluecode. Seither funktioniert Payment-Roaming theoretisch. Doch der große Durchbruch bleibt aus, viele Banken blieben zurückhaltend – gerade auch in Deutschland, sagt Christian Pirkner. Noch heute zeigt sich der Unternehmer erstaunt darüber, dass die europäische Bankenwelt diese Chance weitgehend ungenutzt ließ, zumal das Thema der europäischen Souveränität im Zahlungsverkehr nun auf allen Ebenen diskutiert wird. Aus seiner Sicht war die Zurückhaltung eine politische: „Die haben immer gesagt, eine solche Infrastruktur-Lösung müsse von Banken oder vom Staat kommen, und ich bin beides nicht.“

Da das Interesse in Europa bescheiden blieb, entschied Pirkner, nach Asien zu expandieren. Dort hat sich unter anderem der Zahlungsdienstleister Alipay der Idee angeschlossen. In den USA fand Pirkner als Partner unter anderem die Diners Card. Dutzende dieser Zahlungslösungen verband er über sein „Roaming“ und macht es heute möglich, dass Kunden an mehr als 160 Millionen Orten weltweit zahlen können, beispielsweise in Indien, Brasilien und bald auch China. Das sind mehr Händler, als beispielsweise Visa weltweit hat. Auch in Deutschland kann man über diese Kooperationspartner mit Bluecode bei Aldi Süd oder Adidas bezahlen.

Damit ist die Infrastruktur von Bluecode deutlich weiter als beispielsweise Wero. Über den Dienst der European Payments Initiative (EPI), hinter dem unter anderem die Sparkassen stecken, sollen Bezahlungen an der Ladenkasse erst im Jahr 2027 möglich sein. Und damit das auch in Spanien und Italien funktioniert, hat sich Wero mit einer weiteren Allianz zusammengeschlossen und baut nun das, was Bluecode schon ist: eine Infrastruktur für Zahlungen über Landesgrenzen hinweg. Bleibt die Frage, warum die europäischen Banken nicht einfach auf Bluecode setzen? Die Süddeutsche Zeitung wollte das von Wero wissen, bekam aber bisher keine Antwort.


Süddeutsche Zeitung, 9. Juni 2026, 9:22 Uhr, von Nils Heck, Köln

URL: www.sz.de/li.3492783

Copyright: Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH

Quelle: SZ

Die Originalausgabe der Süddeutschen Zeitung

Die Originalausgabe der Süddeutschen Zeitung mit dem Beitrag über europäische Zahlungssysteme. Der Kauf der Zeitung erfolgte mit Bluecode.

Foto der SZ, Printausgabe bezahlt mit Bluecode.